Es gibt diese typischen Bilder von der Ostsee: weisse Hotelburgen in Binz, die belebte Hafenpromenade in Warnemünde, die gepflasterten Strassen von Travemünde. Wer auf Massentourismus steht, wird dort glücklich. Ich hingegen fahre seit Jahren an die gleiche Küste, aber ich sehe fast nur Sand, Wasser und Wald. Meine Frau und ich, wir suchen die Leere. Und wir finden sie hier immer wieder, selbst in den Hochsommermonaten. Das Geheimnis ist nicht ein bestimmter Ort, sondern eine bestimmte Annäherung. Es geht darum, den Strand nicht als Endziel, sondern als Durchgangspunkt zu begreifen.
Diese Philosophie hat uns zu Orten geführt, die die meisten Besucher links liegen lassen. Eine ausgezeichnete Ressource, um solche Ecken zu erkunden, ist das Portal Ostsee, das sich besonders auf die weniger bekannten Regionen der polnischen Küste konzentriert. Für mich ist die südöstliche Küste ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie viel Platz da ist, wenn man nur ein paar Kilometer vom Autobahnabgang abweicht. Unsere Suche folgt simplen Regeln.
Die Kunst der falschen Ankunftszeit
Der grösste Fehler ist die Anreise am Samstag. Fast alle Mietwohnungen wechseln samstags die Gäste. Die Strassen sind voll, die Supermärkte überrannt. Wir reisen grundsätzlich dienstags an. Die Fahrt ist entspannter, die Chancen auf eine gute Unterkunft steigen, und man hat das Gefühl, als erste Person seit Langem den Fuss in die Ferienwohnung zu setzen. Der gleiche Logik folgt die Abreise. Ein Donnerstag als Abreisetag spart nicht nur Nerven, sondern schenkt einem auch das Gefühl, das System ausgetrickst zu haben. Die Mieten für solche Brücken-Wochen sind oft um 15 bis 20 Prozent günstiger.
Meine Messlatte: Ein Kilometer pro hundert Menschen
Ich habe eine einfache Metrik für einen guten Strandabschnitt entwickelt. Wenn ich auf einen Kilometer Strand mehr als hundert andere Personen sehe, ist es kein guter Strand. Das klingt hart, ist aber an der Ostsee mühelos erreichbar. Wir suchen nach Abschnitten, die nicht mit einer Strandkorbvermietung beginnen. Oft sind das Gebiete hinter kleinen Dünenwäldchen, die nur über einen schmalen Pfad vom Parkplatz aus zu erreichen sind. In Polen, zwischen Mrzeżyno und Dźwirzyno, gibt es solche Strecken zuhauf. Man parkt auf einem Schotterplatz, läuft fünf Minuten durch kiefernduftenden Wald und steht plötzlich vor einer Weite, in der man die nächsten Menschen nur als farbige Punkte in der Ferne ausmachen kann. Das ist der Moment, für den wir fahren.
Warum die Infrastruktur einer Kleinstadt überbewertet ist
Die Fixierung auf ‘ausgezeichnete Infrastruktur’ in Ferienkatalogen ist ein Irrweg. Was braucht man wirklich? Ein Lebensmittelladen, der Brot und Käse verkauft. Eine Bäckerei für frische Brötchen am Morgen. Vielleicht noch einen Kiosk für Eis und Zeitungen. Mehr nicht. Ein Ort mit diesen drei Dingen und ohne Vergnügungspark, Minigolfanlage und ‘Eventbühne’ ist ein perfekter Ort. Orte wie Darłowo oder Ustka haben zwar einen hübschen Kern, aber ihre wahren Schätze liegen ausserhalb der Zentren. In den ruhigen Vororten findet man diese bescheidenen Versorgungspunkte, und von dort sind es oft nur wenige hundert Meter bis zu einem fast privaten Strandzugang.
Das Wetter als Verbündeter nutzen
Die meisten Menschen planen ihren Ostseeurlaub um Sonnenschein herum. Das ist verständlich, aber kurzsichtig. Ein bedeckter Tag oder sogar ein Tag mit leichtem Nieselregen ist der beste Tag, um die Küste für sich allein zu haben. Wir packen unsere Regenjacken ein und gehen wandern. Die Wanderwege auf den Kliffs, etwa im slowakischen Teil oder entlang der Wolliner Küste, sind dann menschenleer. Der Wind peitscht das Meer, die Luft riecht intensiv nach Salz und Algen, und man hat das Gefühl, eine wilde, ungezähmte Natur zu erleben. An solchen Tagen entdeckt man mehr über den Charakter einer Küste als in einer ganzen Woche Strandliegen.
- Parken Sie niemals an einem offiziell ausgeschilderten ‘Strandparkplatz’. Suchen Sie stattdessen eine kleine Nebenstrasse im hinteren Teil eines Küstendorfs.
- Vergessen Sie Strandkörbe. Ein leichter Campinghocker und ein grosser Sonnenschirm sind flexibler, billiger und erlauben es Ihnen, jederzeit den Platz zu wechseln.
- Essen Sie wie die Einheimischen. Fragen Sie im kleinen Laden nicht nach Restaurantempfehlungen, sondern danach, wo die Verkäuferin selbst zu Mittag isst.
- Gehen Sie früh oder spazieren Sie spät. Der Strand um sieben Uhr morgens oder nach acht Uhr abends gehört fast immer nur Ihnen, egal wie überlaufen der Ort tagsüber ist.
Diese Art zu reisen ist kein Geheimwissen. Sie erfordert nur eine andere Erwartungshaltung. Es geht nicht darum, bedient zu werden und Unterhaltung vorgesetzt zu bekommen. Es geht darum, den Raum selbst in Besitz zu nehmen. Die Ostseeküste mit ihren über 2000 Kilometern Länge bietet genug davon für jeden, der bereit ist, den Hauptweg zu verlassen. Am Ende des Tages zählt nicht das perfekte Foto für soziale Medien, sondern das Gefühl, einen Ort für sich gefunden zu haben, den man am nächsten Tag kaum einem anderen beschreiben könnte, weil er so unspektakulär und genau deshalb so besonders war.

